Projekt Revitalisierung
Ausgangslage
Der Friedgraben ist auf 2.6 Kilometern ein stark verbauter und begradigter Bach, welcher sich von Bonstetten (1.25 Kilometer) bis nach Wettswil zieht. Der Friedgraben wurde in seiner heutigen Linienführung auf weiten Teilen künstlich angelegt, damit die Bahnlinie gebaut werden konnte (1868-1871) und um die Feuchtgebiete zu entwässern, um landwirtschaftliche Nutzflächen zu gewinnen (1941-1946). Ursprünglich war die Ebene durch ein ausgedehntes Moor geprägt. Der Fischgraben westlich des Friedgrabens wurde vermutlich auch in dieser Zeit für denselben Zweck angelegt.
Das Einzugsgebiet des Friedgrabens ist durch ein vergleichsweise steiles, teilweise besiedeltes und bewaldetes Kopfgebiet[i] geprägt, gefolgt von einer landwirtschaftlich intensiv bewirtschafteten Talebene. Die Fläche des Einzugsgebiets auf Höhe der Stationsstrasse beträgt rund 1.6 km2 respektive 2.2 km2 inkl. Einmündung des Schachenbachs. In Bonstetten wird er durch den Isenbach und den Schachenbach sowie durch eine Vielzahl an Entwässerungsleitungen in der Ebene zwischen der Isenbachstrasse und der Masstrasse gespiesen.
Aktuell befindet sich der Friedgraben in einem morphologisch[i] künstlichen und naturfremden Zustand, welcher weitgehend auf seine Begradigung und vollständige Verbauung zurückzuführen ist.
Die Böschungen des Friedgrabens wurden sehr steil ausgeführt (im Verhältnis 1:2 oder noch steiler) und mussten demzufolge stark verbaut werden. Die Sohle wurde mit Holzplanken verbaut. Diese sind teilweise noch erhalten, in manchen Bereichen wurden sie jedoch weggespült oder sind verfault.
Der Asphaltbelag vom Friedgrabenweg ist an vielen Stellen bereits rissig und hat sich in Richtung Bach stark verformt. Die Verformung ist auf den Erddruck der steilen Böschungen zurückzuführen. Dieser Druck wird bis auf die Böschungsfussverbauungen abgeleitet, welche sich als Konsequenz in die Mitte des Bachbettes verschieben. Die Verbauungen wurden hauptsächlich aus Steinblöcken erstellt. Stellenweise wurde auch Holz oder Totholzfaschinen[i] verwendet.
Entlang des Friedgrabens befinden sich diverse Sitzbänke, welche ebenfalls in Richtung Bachmitte gerutscht sind und sich deshalb in Schieflage befinden.
Die letzte Erneuerung mit Granitsteinen am Friedgraben wurde vor ca. 10-15 Jahren vorgenommen. Diese wurden jedoch bereits auch wieder in die Bachmitte gedrückt.
Die gesetzlichen Grundlagen zur Sanierung von Gewässern haben sich seither geändert.
Aus heutiger Sicht sind weder die Erneuerung der Hartverbauungen (Granitsteine) noch der Ersatz der Sitzbänke im Gewässerraum bewilligungsfähig. Auch die Erneuerung des Asphaltbelags hat einen schweren Stand, da nach aktuell geltendem Recht, Wege ausserhalb des Gewässerraums angeordnet werden müssen.
Im Bereich der landwirtschaftlichen Nutzfläche ist durch die Drainagen der Boden abgesackt und es sind teilweise richtige Senken entstanden, in welchen sich bei Starkregenereignissen der Oberflächenabfluss sammelt und einen See bildet. Dies führt dann wiederum zu Staunässe in den landwirtschaftlich genutzten Gebieten.
Im Siedlungsgebiet existieren ebenfalls solche Senken, welche jedoch weniger stark ausgeprägt sind.
Damit keine weiteren Schäden an der Infrastruktur oder langfristig an angrenzenden Bauten entstehen, muss der Friedgraben mit einem Wasserbauprojekt saniert werden.
Hochwasser
Zum Startzeitpunkt des Projekts «Revitalisierung Friedgraben» lieferte die durch den Kanton Zürich im Jahr 2010 verfügte Gefahrenkarte Naturgefahren Reppischtal die Planungsgrundlage. Basierend darauf sind die Gemeinden verpflichtet Schutzmassnahmen zu erarbeiten und umzusetzen, damit die Gefährdung reduziert werden kann. Der Gemeinderat Bonstetten genehmigte am 2. September 2014 die Durchführung der Massnahmenplanung und der Bericht des Ingenieurbüros Holinger AG wurde am 2. Dezember 2015 dem AWEL eingereicht.
Gemäss der Gefahrenkartierung aus dem Jahr 2010 kommt es aufgrund von Gerinnedefiziten und punktuellen Schwachstellen an diversen Stellen entlang des Friedgrabens zu Ausuferungen[i], welche auch das Siedlungsgebiet betreffen. Aufgrund des geringen Gefälles und der weiteren Randbedingungen wurde beschlossen, dass die Behebung der Defizite in gemeindeübergreifender Zusammenarbeit gemeinsam mit Wettswil angegangen werden sollen. Im Zug der Vorstudie und der Ausarbeitung des Vorprojekts wurden diverse hydrologische Modellierungen angefertigt. Ebenso wurde durch den Kanton die Gefahrenkarte Naturgefahren Reppischtal überarbeitet und im Jahr 2026 festgesetzt. Diese neuen Erkenntnisse zeigen, dass aus Sicht Hochwasserschutz kein hydraulisches[ii] Schutzdefizit besteht und dies, obwohl das vorgegebene Freibord[iii] nicht durchgängig eingehalten wird. Das geringe Gefälle und die damit verbundene tiefe Fliessgeschwindigkeit relativieren diese Tatsache massgeblich.
Nichtsdestotrotz ist gemäss der revidierten Gefahrenkarte die Hochwassergefahr im Bereich der landwirtschaftlich genutzten Flächen als mittlere Gefährdung eingestuft. Im Siedlungsbereich ist eine geringe Gefährdung ausgewiesen. Im rechtsseitigen Siedlungsgebiet Schachen sind Ereignisse im Zusammenhang mit dem Rückstau aus der Kanalisation bekannt. Diese Problematik kann mit einem Wasserbauprojekt am Friedgraben nicht behoben werden, weil sie Massnahmen am Kanalnetz ausserhalb des Gewässerraums bedingt[iv]. Jedoch wird im weiteren Projektverlauf der Revitalisierung zusammen mit dem GEP-Ingenieur[v] geprüft, ob und wo Massnahmen umgesetzt werden könnten, um Synergien zu erkennen und zu nutzen.
Revitalisierung
In der geltenden strategischen Revitalisierungsplanung (bis 2035) befindet sich nur der Friedgraben in Wettswil unter den vorgeschriebenen zu revitalisierenden Gewässern. Aktuell ist diese strategische Revitalisierungsplanung in Überarbeitung und legt die zu revitalisierende Gewässer von 2027 bis 2047 fest. Gemäss letztem Informationsstand wird hier dem ganzen Friedgraben weiterhin ein grosser Revitalisierungsnutzen[i zugeschrieben. Neu wird der gesamte Friedgraben ab 2027 voraussichtlich zu einem prioritären Revitalisierungsabschnitt. Das Aufwertungspotential ist gross und dem ökologischen Potential wird ein mittlerer Nutzen zugeschrieben.
Das Projekt hat laut Vorprojekt diverse Ziele in unterschiedlichen Bereichen. Dazu zählen:
- Übergeordnete Projektziele: Z.B. Steigerung Naherholung, Hochwasserschutz beibehalten, Berücksichtigung Landwirtschaft und Werkleitungen, Verbindung der beiden Ortsteile Schachen und Dorf etc.
- Ökologische Ziele und Naturschutz: Z.B. Längsvernetzung, Abbau Hindernisse, Niederwasserrinne, Förderung Artenreichtum etc.
- Ziele aus Sicht Erholung und Landschaft: Z.B. Schaffung attraktives Landschaftselement, Berücksichtigung Ansprüche Benutzergruppen, Schaffung Gewässerzugang etc.
- Projektziele Hochwasserschutz und Wasserbau: Z.B. Erreichung Abflusskapazität, Stabilisierung Böschung, Schaffung gezielter Auflandungsorte etc.
- Ziele aus Sicht Landwirtschaft und Boden: Z.B. Berücksichtigung Bedürfnis Landwirtschaft, nicht nur zu Lasten landwirtschaftlich genutzter Flächen, Verbesserung Drainage, Einbezug Landwirtschaft etc.
Verkehrsverbindung Dorf-Schachen
Die wichtigste Verbindung für Fussgängerinnen und Fussgänger sowie dem Langsamverkehr zwischen den Dorfteilen Dorf und Schachen verläuft entlang des Friedgrabens und wird von unterschiedlichen Nutzergruppen in Anspruch genommen. Mit der Revitalisierung soll dieser Verbindungsraum durch eine Verbesserung der Beschattung und der zusätzlichen Erstellung von Sitzgelegenheiten ausserhalb des Gewässerraums attraktiver gestaltet werden. Das Vorprojekt sieht unterschiedliche Varianten der Ausgestaltung des Weges vor, welche im Rahmen des Bauprojekts und in Absprache mit den häufigsten Nutzergruppen (Partizipativ) definiert werden sollen.
Bonstetten besteht aus zwei räumlich getrennten Ortsteilen. Eine gute Verbindung dieser beiden Ortsteile ist für die Gemeinde wichtig. Durch das vorliegende Projekt wird eine qualitativ hochwertige Verbindung beider Dorfteile erstellt. Das Dorf rückt so, insbesondere für Fussgänger und den Langsamverkehr, näher zusammen.
Gewässerzugang
Beim heutigen Spiel- und Begegnungsplatz ist ein einfacher Zugang zum Friedgraben geplant. Dies steigert die Attraktivität des Platzes und lässt gleichzeitig das Gewässer, insbesondere für Kinder, erlebbar werden. Auf allen anderen Abschnitten des zu revitalisierenden Friedgrabens ist der Zugang zum Bach nicht geplant und nicht erwünscht. Neben der Niedrigwasserrinne wird ein vernässter Bereich entstehen, welcher das wilde Überqueren des Friedgrabens stark erschweren wird. Dies trägt massgeblich dazu bei, dass die Natur geschützt und die Privatsphäre der linksseitigen Vorgärten gewährleistet wird.
Glossar
[i] Kopfgebiet - Einzugsgebiet eines Gewässers
[i] Morphologisch - Entstehung und Gestaltungsvorgänge von Gewässern
[i] Totholzfaschine sind walzenförmige Reisig- oder Astbündel unterschiedlicher Länge und mit unterschiedlichen Durchmessern. Bei Totholzfaschinen werden ausschliesslich abgestorbene Pflanzenteile oder Äste von Arten verwendet, die nicht wieder austreiben.
[i] Ausuferung- bezeichnet das Übertreten eines Gewässers über seine Ufer und die damit verbundene Überschwemmung der angrenzenden Flächen.
[ii] Hydraulisch beschreibt das Bewegungsverhalten von Wasser.
[iii] Das Freibord ist der Abstand zwischen dem Wasserspiegel und dem niedrigsten Punkt der Böschung, die nicht überströmt werden soll.
[iv] Ein parallel verlaufendes Projekt betrifft die Hochwasserschutzmassnahmen am Schachenbach.
[v] Mit der Generellen Entwässerungsplanung (GEP) werden im Bereich der Siedlungsentwässerung die strategische Planung angegangen, die nötigen Massnahmen definiert und deren Umsetzung zeitlich festgelegt – sie bildet das Herzstück des Infrastrukturmanagements Siedlungsentwässerung. Die GEP gewährleistet einen sachgemässen Gewässerschutz und eine zweckmässige Siedlungsentwässerung.
[i] Revitalisierungsnutzen bedeutet, dass im Verhältnis zum Aufwand ein grosser Nutzen für Natur und Landschaft besteht.